Ich sitze vor dem Fernseher und schaue einen Jahresrückblick auf 2025. Die Bilder sind vertraut: Demonstrationen im Januar, hunderttausende Menschen auf den Straßen gegen die Abstimmung von CDU und AfD im Bundestag. Der Bruch der „Brandmauer", der politische Dammbruch. Empörung, Transparente, entschlossene Gesichter. Und dann? Die Monate danach verschwimmen. Andere Nachrichten übernehmen. Das gesellschaftliche Rauschen wird lauter.
Ich denke zurück an 2024: Ähnliche Bilder. Die Proteste gegen die AfD und ihre Deportationspläne. Millionen Menschen, die aufstanden. "Nie wieder ist jetzt!" Die größten Demonstrationen seit Jahrzehnten. Und doch – die AfD steht heute in Baden-Württemberg in Umfragen bei 21 Prozent. Höher als je zuvor.
Gewöhnung an das Extreme
Ein Muster? Proteste im Januar, Empörung, Mobilisierung – und dann die schleichende Rückkehr zur Normalität, während sich genau diese Normalität bereits verschoben hat?
Jetzt ist Januar 2026. Ich frage mich: Was wird in diesem Jahr passieren? Werden wir aufstehen, uns wieder empören – und dann wieder erschöpft verstummen? Oder schaffen wir es diesmal, aus der Notwendigkeit einen dauerhaften demokratischen Aufbruch zu machen?
Die bedrohlichste aller Entwicklungen
Was wir gerade erleben, hat einen Namen: Normalisierung. Es ist vielleicht die bedrohlichste Entwicklung für jede Demokratie – gefährlicher als ein offener Putsch, weil sie unbemerkt wirkt, kaum merklich, Tag für Tag. Tabubruch reiht sich an Tabubruch. Was gestern noch einen Aufschrei auslöste, erzeugt heute ein Schulterzucken. Die Schwelle dessen, was wir als unerträglich empfinden, wandert kontinuierlich nach oben.
Die Strategien sind durchschaubar: Durch permanente Provokationen wird der Rahmen des Sagbaren neu gesteckt. Ein Begriff wie "Remigration" – zunächst von der AfD bestritten, nach Potsdamer Geheimtreffen in die Öffentlichkeit gelangt – taucht heute offen im Wahlprogramm auf. Mission erfüllt: normalisiert. Was am extremen Rand der Gesellschaft begann, wandert Schritt für Schritt in die Mitte. Und mit jedem Schritt wird der Weg zurück steiniger.
Das perfide daran: Diese Entwicklung braucht nicht einmal die Zustimmung einer Mehrheit. Sie braucht nur unser Schweigen.
Der fatale Reflex der demokratischen Parteien
Doch es gibt einen Mechanismus, der diese Normalisierung noch beschleunigt – und er ist verhängnisvoll: Demokratische Parteien übernehmen Positionen der AfD, in der Hoffnung, damit deren Wählerinnen und Wähler zurückzugewinnen oder zumindest keine eigenen Anhänger mehr zu verlieren.
Nach den Anschlägen von Solingen, Magdeburg und Aschaffenburg überboten sich CDU, SPD und FDP gegenseitig mit Verschärfungen in der Migrationspolitik. Die Parteien übernahmen nicht nur die Rhetorik der AfD – "Rückführungsoffensive" stand bereits im Ampel-Koalitionsvertrag –, sondern auch deren Forderungen. Zurückweisungen an der Grenze, die CSU spricht offen davon, Asyl von einem Recht zu einem "Gnadenakt" zu machen, die Union fordert die Inhaftnahme aller "ausreisepflichtigen" Personen.
Studien zeigen das verheerende Ergebnis dieser Strategie: Die Übernahme rechter Positionen durch demokratische Parteien führt nicht zum "Zurückgewinnen" von Wählerinnen und Wählern. Im Gegenteil. Sie legitimiert und normalisiert die Positionen der AfD. Das Resultat: Die Menschen wählen das Original, nicht die Kopie. Und der politische Diskurs rückt weiter nach rechts.
Alice Weidel brachte es im Januar 2025 im Bundestag - leider - auf den Punkt: "Abschreiben statt Abschieben – das hat bei Ihnen Methode." Die AfD triumphierte, weil andere Parteien ihre Politik übernahmen. Die Folge ist eine Transformation des politischen Spektrums, die das Sagbare fundamental verändert. Menschen, die früher ihre rechtsradikalen Ansichten verheimlichten, trauen sich nun, diese offen zu äußern. Was einmal als extrem galt, wird behandelt wie eine legitime Position unter vielen.
So verschwimmen die Grenzen. Probleme werden nicht gelöst, sondern konstruiert und dramatisiert. Und am Ende profitiert nur einer davon: die AfD.
Kipppunkte – wenn Veränderungen unumkehrbar werden
Es gibt in demokratischen Gesellschaften Momente, in denen Entwicklungen eine Eigendynamik entfalten, die schwer – manchmal unmöglich – umzukehrbar ist. Ich glaube, dass wir uns einigen dieser Kipppunkte gefährlich nähern:
Der diskursive Kipppunkt: Der Rahmen dessen, was als sagbar gilt verschiebt sich. Nicht dramatisch, sondern schleichend. Die Abstimmung im Bundestag vom Januar 2025, bei der erstmals mit der AfD eine Mehrheit gebildet wurde, markierte einen solchen Moment. Auch wenn das anschließende Gesetz scheiterte: Das Signal war gesetzt. Was einmal undenkbar war, ist nun Realität.
Der institutionelle Kipppunkt: Wenn antidemokratische Kräfte erst einmal in Parlamenten, Verwaltungen, Gerichten Fuß gefasst haben, können sie von innen aushöhlen. Personal wird ausgetauscht, unabhängige Institutionen geschwächt, Kontrollmechanismen demontiert. Ungarn und Polen haben gezeigt, wie schnell das gehen kann. Und es passiert nicht mit einem Paukenschlag, sondern durch tausend kleine administrative Entscheidungen.
Der psychologische Kipppunkt: Abstumpfung durch permanente Empörung. Die Proteste von 2024 und 2025 zeigen: Die Alarmbereitschaft ist noch da. Aber zwischen den Mobilisierungen scheint die Bedrohung im Alltag zu verschwinden. Menschen gewöhnen sich, ziehen sich zurück. "Man kann ja doch nichts ändern" wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Diese Ermüdung ist kalkuliert und gewollt.
Der soziale Kipppunkt: Pluralistische Ignoranz. Wenn in Familien, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis nicht mehr widersprochen wird, entsteht ein Schweigen, das als Zustimmung wirkt. Menschen überschätzen dann die Verbreitung extremer Positionen, weil sie nur die lauten Stimmen hören. Das Schweigen der Mehrheit wird gedeutet als Zustimmung der Mehrheit.
Der Kipppunkt der Machtverteilung: Das Erstarken rechter Kräfte hat auch mit Fragen von Macht zu tun. In einer sich wandelnden Gesellschaft, in der traditionelle Privilegien hinterfragt werden, in der Geschlechterrollen sich verändern und Diversität zunimmt, fühlen sich manche – insbesondere Männer – in ihrer Position bedroht. Diese Verunsicherung über den eigenen Status ist real. Die AfD bietet eine verführerisch einfache Antwort: die Rückkehr zu vermeintlich klaren Hierarchien. Doch diese Sehnsucht nach "eindeutigen Verhältnissen" mündet nicht in Sicherheit, sondern in Ausgrenzung.
Was wirklich auf dem Spiel steht
Baden-Württemberg hat mit dem Institut für Rechtsextremismusforschung an der Universität Tübingen und der Dokumentationsstelle Rechtsextremismus am Generallandesarchiv Karlsruhe zwei Einrichtungen, die bundesweit Maßstäbe setzen. Ihre Forschung zeigt die Kontinuitätslinien rechtsextremer Ideologien und ihre heutigen Strategien. Und sie macht eines überdeutlich: Wir haben es nicht mit einem harmlosen Protestphänomen zu tun. Wir haben es mit einer systematischen Infragestellung demokratischer Grundwerte zu tun.
Eine starke AfD bedeutet nicht nur eine andere Parteienlandschaft. Sie bedeutet einen vergifteten gesellschaftlichen Diskurs, in dem Menschenwürde zur Verhandlungsmasse wird. Sie bedeutet Angriffe auf Wissenschaft, Medien und Zivilgesellschaft – wie die Kleine Anfrage der CDU/CSU-Fraktion im Februar 2025 zeigte, die 551 Fragen zur Finanzierung demokratischer NGOs stellte und von vielen als Angriff auf die Zivilgesellschaft interpretiert wurde.
Eine starke AfD bedeutet die Schwächung der Institutionen, die unsere Freiheit garantieren. Sie bedeutet einen Wirtschaftsstandort, der für internationale Fachkräfte und Investoren zunehmend unattraktiv wird. Sie bedeutet die Leugnung der Klimakrise, die Beschneidung von Frauenrechten, eine völkische Ideologie, die Menschen nach Herkunft sortiert. Und sie bedeutet – trotz aller populistischen Rhetorik – eine Politik, die soziale Ungleichheit verschärft statt bekämpft.
Die vielschichtigen Ursachen ehrlich benennen
Warum ist die AfD so erfolgreich? Die Antwort ist komplex, und wir müssen sie ehrlich aussprechen.
Da ist die soziale Verunsicherung in Zeiten wirtschaftlicher Transformation. Reale Abstiegsängste. Das Gefühl, politisch nicht gehört zu werden. Die Sorge, dass Veränderungen zu schnell kommen und man selbst dabei zurückbleibt. In einer sich wandelnden Gesellschaft, in der traditionelle Privilegien hinterfragt werden, in der Geschlechterrollen sich verändern und Diversität zunimmt, fühlen sich manche – insbesondere Männer – in ihrer Position bedroht. Diese Verunsicherung über den eigenen Status ist real und schafft Empfänglichkeit für Narrative, die eine Rückkehr zu vermeintlich klaren Hierarchien versprechen. Doch diese Sehnsucht nach "eindeutigen Verhältnissen" mündet nicht in Sicherheit, sondern in Ausgrenzung. All das schafft einen Nährboden für einfache Antworten auf komplizierte Fragen.
Die Digitalisierung verstärkt diese Dynamiken. Algorithmen schaffen Echokammern. Desinformation verbreitet sich viral, schneller als jeder Faktencheck. Demokratiefeindliche Narrative erreichen Millionen, ohne dass wirksame Korrektive greifen.
Doch wir sollten uns keiner Illusion hingeben: Die AfD ist keine reine Protestpartei. Viele ihrer Wählerinnen und Wähler teilen grundlegende antidemokratische Überzeugungen. Sie lehnen nicht nur einzelne Politikfelder ab. Sie lehnen das System als Ganzes ab. Der Protest richtet sich oft weniger gegen konkrete Missstände als gegen die Idee einer pluralistischen, offenen Gesellschaft.
Und dann ist da die Gewöhnung. Was uns Anfang 2024 zu Massendemonstrationen trieb, scheint heute im Rauschen des Alltags unterzugehen. Die permanenten Tabubrüche, Skandalisierungen, Provokationen – sie verändern kontinuierlich die Schwelle des Erträglichen. Bis wir nicht mehr fragen "Ist das akzeptabel?", sondern nur noch "Ist es schlimmer als gestern?".
Was wir tun können – strategisch und konkret
Die gute Nachricht: Wir sind dieser Entwicklung nicht hilflos ausgeliefert. Demokratie ist kein Schicksal. Sie ist ein Projekt. Und wir alle sind daran beteiligt – durch Handeln oder durch Nicht-Handeln.
Bildung als demokratisches Fundament: Demokratie muss erfahrbar sein. Junge Menschen brauchen Räume, in denen sie erleben, dass ihre Stimme zählt. Das neue Wahlalter ab 16 ist Chance und Verantwortung zugleich. Politische Bildung muss zur kritischen Auseinandersetzung befähigen und demokratische Kompetenzen vermitteln – nicht als Schulfach, sondern als gelebte Praxis.
Wissen nutzen und verbreiten: Die Forschung zu Rechtsextremismus liefert uns Erkenntnisse über Mechanismen, Netzwerke und Strategien. Einrichtungen wie das Institut in Tübingen und die Dokumentationsstelle in Karlsruhe leisten herausragende Arbeit. Aber dieses Wissen muss in die Breite getragen werden, verständlich, zugänglich, wirksam.
Zivilgesellschaft stärken – und verteidigen: Vereine, Initiativen, Nachbarschaftsprojekte – sie alle sind Orte gelebter Demokratie. Hier entstehen Netzwerke der Solidarität, hier wird Vielfalt als Bereicherung erlebt. Die Angriffe auf NGOs und demokratische Organisationen zeigen, wie wichtig der Schutz dieser Strukturen ist. Und sie zeigen: Demokratische Institutionen werden gezielt geschwächt, weil sie wirken.
Soziale Fragen konsequent angehen: Bezahlbarer Wohnraum, gute Arbeitsbedingungen, funktionierende Infrastruktur, Chancengerechtigkeit – das sind keine Randthemen. Wo Menschen das Gefühl haben, abgehängt zu werden, wächst die Empfänglichkeit für autoritäre Versprechen. Demokratie muss im Alltag wirken.
Machtverhältnisse transparent diskutieren: Wir müssen offen über gesellschaftliche Transformationen sprechen. Die Verunsicherung angesichts veränderter Machtstrukturen ist real. Aber die Antwort kann nicht Regression sein. Mehr Rechte für die einen bedeuten nicht weniger Rechte für die anderen. Das müssen wir immer wieder klar machen.
Den eigenen Reflex überprüfen: Demokratische Parteien dürfen nicht weiter in die Falle tappen, AfD-Positionen zu übernehmen. Jede Übernahme rechter Narrative legitimiert diese. Jede Verschiebung nach rechts verschiebt das gesamte politische Spektrum. Die Lösung liegt nicht in der Anpassung, sondern in der klaren Abgrenzung – und in eigenen, überzeugenden Antworten auf reale Probleme.
Rechtsstaatlichkeit konsequent durchsetzen: Unsere Demokratie ist wehrhaft. Die Frage nach einem möglichen AfD-Verbot muss juristisch sorgfältig geprüft werden. Ein Verbot ist kein Allheilmittel, aber es ist ein Instrument, das unsere Verfassung bereithält.
Die Ermüdung durchbrechen: Das ist vielleicht die größte Herausforderung. Wir brauchen keine kurzfristige Empörung, sondern langfristige demokratische Resilienz. Das bedeutet: Immer wieder aufstehen. Immer wieder widersprechen. Immer wieder Position beziehen. Auch wenn es ermüdend ist. Denn Schweigen ist keine Neutralität.
Konkret im eigenen Alltag:
- Wählen gehen – und andere motivieren. Jede Stimme zählt.
- Informationsquellen kritisch prüfen. In Zeiten von Desinformation ist Medienkompetenz überlebenswichtig.
- Widersprechen, wenn menschenfeindliche Aussagen fallen. Nicht mit Fanatikern, aber mit jenen, die noch erreichbar sind.
- Sich engagieren. In Vereinen, Initiativen, Projekten. Auch kleine Beiträge zählen.
- Solidarität zeigen. An der Seite derer stehen, die bedroht sind.
- Gespräche führen. Über Sorgen sprechen, Verständnis zeigen – aber demokratische Alternativen anbieten.
- Lokal handeln. Demokratie beginnt vor der eigenen Haustür.
- Langfristig denken. Nachhaltiges Engagement ist wichtiger als kurzfristige Intensität.
Realistische Entschlossenheit
Die Lage ist ernst. Die Bedrohung ist real. Aber sie ist nicht unausweichlich. Die Proteste von 2024 und 2025 haben eines gezeigt: Die Bereitschaft zum Widerstand ist vorhanden. Die Frage ist nur: Wie machen wir aus punktueller Mobilisierung dauerhafte demokratische Kultur?
Demokratie ist anstrengend. Sie verlangt Auseinandersetzung, Kompromisse, die Anerkennung von Vielfalt. Sie ist langsam, manchmal frustrierend, nie perfekt. Aber sie ist das einzige Gesellschaftsmodell, das Freiheit, Würde und Teilhabe für alle garantiert.
Diese Errungenschaften wurden erkämpft, nicht geschenkt. Und sie werden nur dann Bestand haben, wenn wir bereit sind, sie zu verteidigen – nicht einmal in einer großen Geste, sondern immer wieder, Tag für Tag.
Wir sind nicht Zuschauer unserer Zukunft
Die Kipppunkte, vor denen wir stehen, sind keine Naturgesetze. Sie entstehen nur, wenn wir sie zulassen.
Anfang 2024 standen Menschen auf. Anfang 2025 standen sie wieder auf. Und jetzt, Anfang 2026? Es fehlt der Anlass. Der konkrete Skandal. Das empörende Ereignis.
Und genau darin liegt das Problem: Wir sind in einen Reaktionsmodus verfallen. Wir warten auf den nächsten Tabubruch, um dann zu protestieren. Aber zwischen den Skandalen? Ermüdung und Gewöhnung.
Demokratie zu verteidigen kann nicht bedeuten, nur auf Ereignisse zu reagieren. Es muss bedeuten, die Entwicklung vorauszudenken, bevor der nächste Kipppunkt erreicht ist. Nicht erst aufstehen, wenn es brennt – sondern das Feuer verhindern.
Ob sich daraus eine neue demokratische Kultur entwickelt – eine Kultur, die versteht, dass Wachsamkeit nicht nachlässt, dass Engagement nicht endet – das liegt an uns. An dem, was wir jetzt tun.
Am 8. März steht in Baden-Württemberg eine Landtagswahl an – die erste von fünf Landtagswahlen in diesem Jahr. Ein Moment, ein Zeichen zu setzen. Aber Demokratie endet nicht am Wahlabend. Sie beginnt jeden Tag aufs Neue.
Wenn ich Ende 2026 wieder einen Jahresrückblick schaue – dann möchte ich nicht nur Demonstrationen im Januar sehen. Ich möchte sehen, dass wir durchgehalten haben. Dass wir aus Empörung Engagement gemacht haben.
Demokratie ist kein Zuschauersport. Sie braucht uns alle. Jetzt.