Fünfzehn Jahre lang durfte ich Baden-Württemberg im Landtag vertreten. Seit 2011, seit Winfried Kretschmann zum ersten Mal zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Ich habe in dieser Zeit viele Wahlkämpfe erlebt, und es gehört fast schon zum Ritual, dass jeder behauptet, diese Wahl sei die wichtigste. Meistens stimmt das nicht. Meistens sind Wahlen Etappen, Kurskorrekturen, manchmal auch nur Bestätigungen des Status quo.
Aber manchmal – selten – gibt es tatsächlich Wahlen, die eine Richtung vorgeben. Die über eine Region hinauswirken. Die zeigen, wie Demokratie in unsicheren Zeiten funktionieren kann. Die Landtagswahl am 8. März 2026 ist so eine Wahl.
Zwischen den Zeiten
Es gibt Momente in der Geschichte, in denen nicht die lautesten Stimmen gefragt sind, sondern die klarsten. Nicht die einfachen Antworten, sondern die ehrlichen. Baden-Württemberg steht an so einem Punkt – zwischen Transformation und Tradition, zwischen globalen Unsicherheiten und lokalem Zusammenhalt.
Es geht nicht nur darum, wer dieses Land in den nächsten fünf Jahren regiert. Es geht um Arbeitsplätze in einer sich wandelnden Industrie, um Energiepreise, um die Frage, wie wir Zusammenhalt organisieren, wenn Sicherheiten brüchig werden. Vor allem aber geht es darum, welches Signal Baden-Württemberg sendet – an Deutschland, an Europa, an sich selbst. Ziehen wir uns zurück in vermeintliche Sicherheiten, oder gehen wir den Wandel aktiv an? Setzen wir auf Spaltung oder auf Zusammenhalt? Auf Angst oder auf Zuversicht?
Baden-Württemberg war immer ein Land, das beides konnte: bodenständig und innovativ, traditionsbewusst und weltoffen, wirtschaftsstark und ökologisch ambitioniert. Ein Land, das nicht ideologisch denkt, sondern pragmatisch – aber ohne dabei seine Werte zu verlieren. Ein Land, das zeigt, dass Ökologie und Ökonomie, Heimat und Weltoffenheit kein Widerspruch sein müssen.
Genau das steht jetzt zur Disposition. Und genau deshalb brauchen wir jemanden, der nicht nur verwalten kann, sondern der durch Widersprüche hindurch führen kann, ohne sie zu leugnen. Jemanden, der weiß, wie man dieses Land regiert – aber auch, wie man es erneuert.
Genau das ist Cem Özdemir für mich. Er kopiert Winfried Kretschmann nicht. Aber er führt fort, wofür dessen Politik in Baden-Württemberg steht: eine Politik auf Augenhöhe, pragmatisch, wertegebunden, ohne ideologische Verengungen.
Und er erweitert sie um das, was jetzt nötig ist: die internationale Perspektive, die Erfahrung globaler Krisen, den Willen zur Transformation.
Der Grenzgänger
Ich kenne Cem seit vielen Jahren. Wir haben nicht immer die gleiche Meinung. Er kann nerven, weil er sich einfachen Kategorisierungen entzieht, weil er mich in meinen Ansichten herausfordert, weil er manchmal unbequem ist – auch für die eigene Partei. Aber genau deshalb traue ich ihm so viel zu.
Cem Özdemir ist in Bad Urach aufgewachsen, in der schwäbischen Provinz, wo man weiß, dass Versprechen eingehalten werden müssen und dass Arbeit sich auszahlen soll. Gleichzeitig kennt er die Bundespolitik, die internationalen Zusammenhänge, die Komplexität einer vernetzten Welt. Er ist beides: tief verwurzelt und weit gereist. Ein „anatolischer Schwabe", wie er sich selbst nennt – eine Formulierung, die manche als Widerspruch empfinden mögen, die aber genau deshalb funktioniert. Denn Identität war nie eindimensional, und Baden-Württemberg schon gar nicht.
Seine Biografie ist kein Zufall. Sie ist auch kein reines Erfolgsnarrativ. Sie ist der Beweis dafür, dass das System funktionieren kann – wenn man es ernst nimmt, wenn man bereit ist zu arbeiten, und wenn man nicht aufgibt. Wer es von Bad Urach bis in den Bundestag geschafft hat, wer als erster türkischstämmiger Abgeordneter Geschichte geschrieben hat, wer als Bundesminister Verantwortung getragen hat – der weiß, wie man Krisen durchsteht. Der weiß, wie man kämpft. Der weiß, wie man auf Kurs bleibt, auch wenn es schwierig wird.
In Zeiten, in denen Baden-Württemberg nicht nur mit sich selbst, sondern mit globalen Herausforderungen konfrontiert ist – von Lieferketten über Energieversorgung bis zu geopolitischen Verschiebungen – brauchen wir jemanden, der nicht nur das Land kennt, sondern auch die Welt versteht. Und der bereits bewiesen hat, dass er Verantwortung tragen kann.
Und es wird schwierig werden. Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind enorm, die geopolitischen Unsicherheiten nehmen zu, der gesellschaftliche Zusammenhalt ist fragil. Wir brauchen jetzt keinen Populisten, der so tut, als wären die Probleme einfach zu lösen. Aber auch keinen Technokraten, der Zahlen präsentiert, ohne Menschen mitzunehmen. Wir brauchen jemanden, der Brücken baut – nicht nur zwischen Milieus, sondern zwischen Wirklichkeiten. Zwischen dem Mittelständler in Tuttlingen und der Studentin in Freiburg. Zwischen denen, die Veränderung fürchten, und denen, die auf sie hoffen.
Özdemir ist pragmatisch, aber nicht zynisch. Er ist direkt, aber nicht verletzend. Er verkörpert eine Form von Zuversicht, die nicht naiv ist, sondern erkämpft – die Zuversicht eines Menschen, der weiß, dass Demokratie anstrengend ist, dass Integration Arbeit bedeutet, dass Fortschritt Kompromisse erfordert. Und der trotzdem daran glaubt.
Er ist ein Grenzgänger. Einer, der zwischen Welten vermittelt – nicht nur kulturell, sondern auch politisch. Einer, der versteht, dass Sicherheit und Freiheit, Wirtschaft und Klimaschutz, Tradition und Innovation zusammengedacht werden müssen. Einer, der Fehler macht, aber daraus lernt. Der nicht alles versprechen kann, aber das, was er verspricht, auch hält.
Richtung bewahren
In unsicheren Zeiten suchen Menschen nach Orientierung. Nicht nach Ideologie, sondern nach Haltung. Nach jemandem, der weiß, woher er kommt – und wohin er will. Cem Özdemir ist genau das: einer, der Heimat nicht gegen Weltoffenheit ausspielt, sondern beides zusammendenkt. Einer, der Baden-Württemberg ernst nimmt – in seiner Vielfalt, seiner Wirtschaftskraft, seinen Traditionen, aber auch in seinen Widersprüchen.
Diese Wahl wird über Baden-Württemberg hinaus wahrgenommen werden. Sie wird zeigen, ob ein Land wie dieses bereit ist, Verantwortung zu übernehmen – für seine Wirtschaft, seine Umwelt, seinen Zusammenhalt.
Ich habe fünfzehn Jahre lang miterlebt, wie dieses Land regiert wird. Ich weiß, wie schwierig es ist, unterschiedliche Interessen zu versöhnen, wie anstrengend Kompromisse sind, wie viel Geduld Politik braucht. Und ich weiß auch, dass es Momente gibt, in denen man jemandem zutrauen muss, dass er es schaffen kann – gerade weil er es schon einmal geschafft hat. Gerade weil er weiß, wie man durchhält. Gerade weil er bewiesen hat, dass er auch in den schwierigsten Zeiten das Ziel im Auge behält.
Cem Özdemir steht für eine Antwort, die nicht spaltet, sondern verbindet. Nicht perfekt, nicht unfehlbar – aber glaubwürdig. Er ist jemand, der dieses Land voranbringen kann. Nicht gegen seine Bürgerinnen und Bürger, sondern mit ihnen.
Am 8. März 2026 haben wir die Wahl. Nicht nur für Baden-Württemberg. Für eine Richtung.