Vom Mobilisierungserfolg zur Vertrauenspartei
Gewissheiten gehören zum politischen Glauben. Sie geben Orientierung. Als ich 2011 erstmals zur Landtagswahl angetreten bin, gab es im politischen Spektrum Baden-Württembergs eine solche scheinbar unerschütterliche Gewissheit:
An der CDU führt kein Weg vorbei.
Heute wissen wir, wie diese Geschichte verlaufen ist.
In den letzten Tagen habe ich eine alte Gewissheit erneut gehört, die auf diesem zerbrochenen Gebot aufbaut. Und so gibt es wahrscheinlich in Baden-Württemberg kaum einen Grünen, der nicht eine Geschichte erzählen konnte: von jemandem, der seit Generationen CDU wählt – und diesmal oder bereits seit 2011 Grün gewählt hat.
So wird der Erfolg der Grünen im Südwesten oft erklärt. Die kurze Version lautet: Die Grünen hätten das bürgerliche Lager erobert und der CDU ihre Wählerinnen und Wähler abgenommen.
Doch wenn man sich die Entwicklung der letzten fünfzehn Jahre genauer anschaut, ergibt sich ein anderes Bild.
Der Wahlerfolg der Grünen in Baden-Württemberg beruht nicht auf einer dauerhaften Verschiebung des bürgerlichen Wähler:innenlagers. Der eigentliche Schlüssel zum grünen Erfolg lag woanders: in der Fähigkeit, Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus für eine Politik der ökologischen Modernisierung zu gewinnen – eine Politik, die Klimaschutz mit wirtschaftlicher Stärke und sozialem Zusammenhalt verbindet.
Aus meiner Sicht liegt genau darin die Besonderheit der Grünen in Baden-Württemberg. Und darin liegt auch der Grund für unseren Erfolg in einem Land, in dem ein grüner Ministerpräsident lange als politisch undenkbar galt – und in dem diese historische Ausnahme inzwischen zur politischen Normalität geworden ist.
Dieser Erfolg ist aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren entstanden: aus den Themen, die Wahlen prägen, aus den Bewegungen der Wähler:innen zwischen den Parteien und aus dem Vertrauen in politische Führungspersönlichkeiten.
Phase 1 – Der Durchbruch 2011
Mobilisierung durch ein gesellschaftliches Schlüsselthema
Die Landtagswahl 2011 markierte einen historischen Wendepunkt. Umwelt- und Energiepolitik standen damals im Zentrum der politischen Debatte. Laut Infratest dimap nannten 85 Prozent der neuen(!) Grünen-Wähler:innen Umwelt- beziehungsweise Energiepolitik als entscheidendes Motiv für ihre Wahlentscheidung.
Andere Themen spielten eine deutlich geringere Rolle: soziale Gerechtigkeit und Stuttgart 21 wurden jeweils von 25 Prozent genannt, Bildung von 19 Prozent.
Die politische Atmosphäre war von starken gesellschaftlichen Konflikten geprägt. Die Proteste gegen Stuttgart 21 und vor allem die Reaktorkatastrophe von Fukushima führten zu einer breiten gesellschaftlichen Mobilisierung.
Diese Mobilisierung spiegelte sich auch in den Wählerwanderungen wider. Die größte Gruppe neuer Stimmen kam aus dem Lager der bisherigen Nichtwähler:innen – 266.000 Stimmen wechselten aus diesem Bereich zu den Grünen. Gleichzeitig kamen Stimmen aus allen politischen Lagern zu uns, insbesondere 140.000 Stimmen von der SPD.
Der Wahlerfolg beruhte damit vor allem auf zwei Faktoren: einem klar dominierenden gesellschaftlichen Schlüsselthema und der Fähigkeit, darüber neue Wähler:innen – durch thematische Authentizität und Glaubwürdigkeit – zu mobilisieren.
Phase 2 – Ab 2016
Die Grünen werden zur Regierungspartei
Mit der Übernahme von Regierungsverantwortung veränderte sich die politische Dynamik. Die Grünen entwickelten sich von einer stark themengetriebenen Mobilisierungspartei zu einer Regierungspartei mit einem breiteren politischen Profil.
Bei der Landtagswahl 2016 spielte Umwelt- und Energiepolitik weiterhin eine wichtige Rolle (45 Prozent), wurde jedoch ergänzt durch soziale Gerechtigkeit (47 Prozent), wirtschaftliche Fragen (28 Prozent) und Bildungspolitik (26 Prozent).
Auch die Wählerwanderungen zeigen diese Entwicklung. Besonders auffällig war die starke Unterstützung aus dem sozialdemokratischen Lager: 157.000 Wähler:innen wechselten von der SPD zu den Grünen. Gleichzeitig gelang es weiterhin, viele Nichtwähler:innen zu mobilisieren.
In dieser Phase wurden wir GRÜNEN zunehmend als stabile Regierungspartei wahrgenommen – eine Partei, die nicht nur für Umweltpolitik steht, sondern auch in anderen politischen Bereichen Vertrauen genießt.
Politische Führung und Vertrauen
Aber nicht nur, denn neben Themen und Wählerbewegungen spielte ein weiterer Faktor eine wichtige Rolle für den Wahlerfolg: das Vertrauen in politische Führung, in die persönliche Integrität von Winfried Kretschmann.
Er entwickelte sich über mehrere Wahlperioden hinweg zu einer politischen Integrationsfigur, die weit über das klassische grüne Wähler:innenlager hinaus Zustimmung gewann. Er sprach unterschiedliche gesellschaftliche Milieus an und verkörperte für viele Menschen eine Politik der Verlässlichkeit und des pragmatischen Fortschritts.
Die aktuellen Daten zeigen, wie stark dieses Vertrauen war: 94 Prozent der Grünen-Wählenden sagen, Baden-Württemberg sei bei Winfried Kretschmann in guten Händen gewesen.
Mit der Wahl von Cem Özdemir hat sich dieses Vertrauen nun auf eine neue politische Persönlichkeit übertragen. Viele Wähler:innen haben sich bewusst für ihn entschieden – nicht nur wegen einzelner politischer Themen, sondern auch wegen seiner Person und seiner politischen Glaubwürdigkeit.
Phase 2.5 – Stabilisierung der Regierungspartei
Auch bei der Landtagswahl 2021 blieb Umwelt- und Klimapolitik das wichtigste Einzelthema für viele Grünen-Wählerinnen und -Wähler. 42 Prozent nannten Klima- und Umweltfragen als entscheidendes Motiv für ihre Wahlentscheidung.
Gleichzeitig gewannen weitere Themen an Bedeutung, etwa Bildungspolitik, soziale Sicherheit und die Bewältigung der Corona-Pandemie.
Die Wähler:innenbewegungen zeigen in dieser Phase eine zunehmende Stabilisierung innerhalb des bestehenden Parteiensystems. Zugewinne entstanden stärker durch Verschiebungen zwischen den Parteien, während die Mobilisierung von Nichtwähler:innen an Bedeutung verlor.
Phase 3 – Verschiebung der politischen Agenda ab 2026
Bei der Landtagswahl 2026 zeigt sich eine deutliche Veränderung der politischen Themenagenda. In der Gesamtbevölkerung steht wirtschaftliche Entwicklung mit 29 Prozent erstmals an der Spitze der wichtigsten Wahlthemen, während Umwelt- und Klimapolitik mit 16 Prozent deutlich dahinter liegt.
Innerhalb der grünen Wähler:innenschaft bleibt das Bild jedoch stabil. 46 Prozent der Grünen-Wählenden nennen weiterhin Klima- und Umweltpolitik als entscheidendes Motiv für ihre Wahlentscheidung. Soziale Sicherheit folgt mit 17 Prozent.
Diese Differenz ist politisch bemerkenswert: Während sich die Themenprioritäten in der Gesamtbevölkerung stärker in Richtung wirtschaftlicher Sicherheit verschieben, bleibt das ökologische Profil der grünen Wählerschaft stabil.
Klima, Wirtschaft und soziale Sicherheit
Gerade deshalb gewinnt eine politische Aufgabe zunehmend an Bedeutung für uns: die Verbindung von ökologischer Transformation mit wirtschaftlicher und sozialer Sicherheit.
Ein bemerkenswerter Befund aus den aktuellen Umfragen zeigt, wie stark dieses Narrativ bereits verankert ist: 92 Prozent der Grünen-Wählenden sind der Meinung, dass die Grünen gezeigt haben, dass man gleichzeitig etwas für Klima und Wirtschaft tun kann.
Genau darin liegt aus meiner Sicht der Kern des grünen Erfolgs im Südwesten. Die Grünen werden von vielen Menschen nicht als Gegenmodell zur wirtschaftlichen Stärke Baden-Württembergs wahrgenommen, sondern als politische Kraft, die ökologische Modernisierung und wirtschaftlichen Erfolg miteinander verbindet.
Gleichzeitig rücken Fragen sozialer Sicherheit stärker in den Mittelpunkt. In einer Phase tiefgreifender wirtschaftlicher Transformation stellen sich viele Menschen ganz konkrete Fragen: Wie bleiben Arbeitsplätze sicher? Wie gelingt der Wandel sozial gerecht?
Zukunft als Auftrag
Die Entwicklung der Grünen in Baden-Württemberg seit 2011 lässt sich als Übergang von einer mobilisierenden Themenpartei zu einer breit getragenen Regierungspartei beschreiben.
Der Durchbruch von 2011 beruhte auf einem dominierenden gesellschaftlichen Schlüsselthema und einer starken Mobilisierung neuer Wähler:innen. Mit zunehmender Regierungszeit erweiterten wir GRÜNE unser politisches Profil und gewannen Vertrauen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus.
Ein Blick auf die langfristige Wähler:innenentwicklung zeigt dabei ein oft übersehenes Bild.
2006 wählten rund 460.000 Menschen die Grünen in Baden-Württemberg. 2026 sind es über 1,6 Millionen. Der größte Teil dieses Wachstums kommt jedoch nicht aus dem sogenannten bürgerlichen Lager. Über die Jahre hinweg haben wir im Saldo rund 432.000 Wähler:innen von der SPD gewonnen sowie 425.000 Stimmen aus dem Kreis der früheren Nichtwähler:innen. Zusammen entspricht das mehr als der Hälfte aller heutigen Grünen-Wähler:innen.
Die Unterstützung aus dem bürgerlichen Lager blieb dagegen deutlich begrenzter. Zwar konnten die Grünen in einzelnen Wahlen auch CDU-Wähler:innen gewinnen. 2011 wechselten rund 87.000 Stimmen von der CDU zu den Grünen, 2016 sogar über 100.000. Auch 2021 gelang es noch, etwa 70.000 CDU-Wähler:innen zu gewinnen.
Doch dieses Vertrauen erwies sich als nur teilweise dauerhaft. Bei der Landtagswahl 2026 verloren die Grünen 165.000 Stimmen an die CDU – und damit nahezu alle Stimmen, die seit 2016 aus diesem Lager hinzugewonnen worden waren.
Über den gesamten Zeitraum betrachtet ergibt sich daher ein klares Bild: Im Saldo wechselten nur rund 99.000 Stimmen aus dem CDU-Lager zu den Grünen, also rund 6 Prozent der derzeitigen Wähler:innen.
Der langfristige Aufstieg der Grünen im Südwesten beruht also nicht auf einer dauerhaften Verschiebung des bürgerlichen Wähler:innenlagers. Entscheidend war vielmehr die Fähigkeit, neue Wähler:innen zu mobilisieren und Vertrauen über unterschiedliche gesellschaftliche Milieus hinweg aufzubauen.
Auf in die Zukunft
Der Wahlerfolg der Grünen im Südwesten beruhte folglich nie darauf, dass wir dauerhaft im bürgerlichen Lager neue Wähler:innengruppen erschlossen hätten. Vielmehr ist es uns in bestimmten politischen Momenten gelungen, über unser eigenes Wähler:innenlager hinaus Vertrauen zu gewinnen.
Dieses Vertrauen war jedoch situativ – geprägt durch Themen, politische Führungspersönlichkeiten und das Vertrauen in verantwortungsvolle Regierungsführung.
Für mich ergibt sich daraus eine klare politische Aufgabe für die kommenden Jahre.
Die Grünen müssen die Verbindung von ökologischer Transformation, wirtschaftlicher Stärke und sozialer Sicherheit noch stärker zu einem gemeinsamen politischen Projekt machen.
Gerade soziale Sicherheit wird dabei zu einem entscheidenden Kompetenzfeld. In einer Phase tiefgreifender wirtschaftlicher Transformation stellen sich viele Menschen ganz konkrete Fragen.
Wenn wir diese Fragen überzeugend beantworten, können wir das Vertrauen weiter ausbauen, das die Grundlage unseres politischen Erfolgs im Südwesten geworden ist.
Am Anfang dieses Textes stand eine politische Gewissheit:
An der CDU führt kein Weg vorbei.
Diese Gewissheit gilt heute nicht mehr.
Wir GRÜNE haben in Baden-Württemberg gezeigt, dass ökologische Modernisierung, wirtschaftliche Stärke und sozialer Zusammenhalt zusammen gedacht werden können.
Genau darauf wird es auch in Zukunft ankommen.
Denn der Erfolg der letzten fünfzehn Jahre ist kein Zufall und kein einmaliger politischer Moment. Er ist das Ergebnis von Vertrauen, von politischer Verlässlichkeit und von der Fähigkeit, ökologische Modernisierung mit wirtschaftlicher Stärke und sozialer Sicherheit zu verbinden.
Für mich schließt sich hier der Kreis. In einem wertkonservativen Bundesland sind wir GRÜNE nicht vergleichbar mit anderen Landesverbänden. Es hilft nicht die kulturellen und strukturellen Besonderheiten zu glätten, zu negieren oder zu instrumentalisieren.
Wir GRÜNE in Baden-Württemberg sind eine eigenständige Kraft innerhalb der GRÜNEN, weil wir unser Bundesland nicht nur verstehen, sondern repräsentieren.
Oder anders gesagt:
Die Grünen in Baden-Württemberg sind gekommen, um an der Spitze zu bleiben.