Der Elefant im Standesamt: Über Hochzeiten, Heimkehr und harte Grenzen.
Das Leben schreibt die besten Drehbücher. Am Valentinstag sagt Cem Özdemir Ja – und ausgerechnet Boris Palmer nimmt ihm das Versprechen ab. Jener Palmer, der die Tür zu unserer Partei zugeschlagen und dabei fast das gesamte Gebäude mit abgerissen hat. Jener Palmer, der bei vielen von uns – mich eingeschlossen – zuverlässig bis heute den Blutdruck steigen lässt.
Cem nennt Palmer einen Freund. Natürlich könnte man sagen: Eine Hochzeit ist privat. Aber das wäre naiv. Bei uns ist fast alles politisch, erst recht, wenn es um Loyalität, Freundschaft und Schmerzgrenzen geht. Genau das macht es kompliziert.
Denn eine Hochzeit ist ein Ja unter Bedingungen: Vertrauen, Verbindlichkeit, Regeln und auch Grenzen. Übertragen auf die Politik heißt das: Gibt es Formen der Kooperation, die ohne Rückkehr in die Machtzentren auskommen? Eng abgesteckt, ohne Automatismus?
Ausschluss schafft Ordnung, aber keine Realität
Das ist kein Plädoyer für eine Rückabwicklung seines selbst verschuldeten und selbst gewählten Ausschlusses. Es ist eine nüchterne Machtfrage. Boris Palmer hat politisches Gewicht. Er ist nicht im politischen Off verschwunden. Er ist Oberbürgermeister, wiedergewählt, ein Machtfaktor in Baden-Württemberg. Er bleibt Teil der Landschaft, ob uns die Aussicht gefällt oder nicht. Jemanden auszuschließen - auch wenn er es selbst getan hat - ist der "leichte" Teil. Drinnen, draußen, Akte zu. Ende der Debatte.
Doch Politik endet nicht mit einem Beschluss.
Die Frage ist, ob wir sein Gewicht in eng begrenzten Kontexten produktiv nutzen können – oder ob jeder Kontakt mehr Schaden stiftet als Nutzen. Diese Frage zu stellen, relativiert keine Verletzungen. Es bedeutet lediglich, die Realität anzuerkennen. Denn die Frage ist nicht, wie werden wir ihn los. Sondern: Wie gehen wir damit um, dass er da ist? Ignorieren ist naiv. Rehabilitieren ist gefährlich. Dazwischen liegt die wahre politische Kunst.
Wahlkampf ist kein Seminarraum
In wenigen Wochen ist Landtagswahl. Wir brauchen Geschlossenheit, aber keine Denkverbote. Die moralische Komfortzone rettet vielleicht die Seele, aber sie gestaltet keine Realität. Souveränität zeigt sich nicht darin, jede Tür für immer zuzuschweißen, sondern zu wissen, welche man unter welchen Bedingungen einen Spalt weit offen lässt.
Das bedeutet nicht Versöhnung um jeden Preis. Die Verletzungen sind real, die Grenzüberschreitungen dokumentiert. Aber wir können uns nicht leisten, die politische Wirklichkeit auszublenden, nur weil sie uns unerträglich erscheint.
Wenn Bedingungen nicht erfüllt werden, bleibt die Grenze bestehen. Punkt. Aber politisches Format zeigt sich nicht nur im Ziehen von Linien, sondern im Umgang mit ihrer Existenz.
Er ist wieder ...
Am Valentinstag beurkundet Boris Palmer ein Versprechen. Das ist kein Parteitagsbeschluss, aber es ist eine Lektion: Menschen und Beziehungen verschwinden nicht per Dekret.
Der Elefant ist da, er steht vor uns. Jetzt ist es an uns, ob wir Grenzen setzen können, ohne uns einzumauern? Können wir erwachsen genug sein für eine Politik, die unbequem ist – aber funktioniert?
Reife heißt nicht Versöhnung. Widersprüche auszuhalten, ohne die eigenen Maßstäbe aufzugeben – das ist die eigentliche Kunst. Cem Özdemir traut sich. Jetzt müssen wir uns trauen, die Welt so kompliziert zu sehen, wie sie ist.
Alles Gute zur Hochzeit, lieber Cem! Viel Glück euch beiden!