Den ehemaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth nannte man einst das Cleverle. Manuel Hagel, Spitzenkandidat der CDU, nennt sich selbst "The Normal One". Zwischen diesen beiden Beschreibungen liegen nicht nur Jahrzehnte, sondern Welten – und sie erzählen mehr über den Zustand der CDU in Baden-Württemberg, als jedes Wahlprogramm es könnte.
Was ist los in THE LÄND? Die CDU gilt vielen noch immer als wirtschaftskompetent. Das ist bemerkenswert – denn kaum etwas in ihrem aktuellen politischen Handeln spricht dafür. Was hier wirkt, ist kein Können, sondern Erinnerung. Keine Leistung, sondern ein Ruf. Die Christdemokraten profitieren von einem Mythos, der sich über Jahrzehnte aufgebaut hat und bis heute trägt, obwohl seine Grundlage längst erodiert ist.
Von clever zu normal – das ist nicht nur ein Niveauverlust. Das ist eine Kapitulation, verpackt in Bescheidenheit.
Sie kennen mich nicht, also vertrauen Sie mir
Die Umfragen zeigen dieses Paradox besonders deutlich. Wirtschaft ist jetzt das wichtigste Thema für die Wahlentscheidung und hat das Thema Migration verdrängt. Und rund ein Viertel der Baden-Württemberger attestiert der CDU die größte Lösungskompetenz in Wirtschaftsfragen. Ein respektabler Wert – auf den ersten Blick.
Sobald es konkret wird, kippt das Bild. Nur 19 Prozent würden Manuel Hagel in der aktuellen Umfrage zum Ministerpräsidenten wählen. Sein grüner Konkurrent Cem Özdemir kommt auf 39 Prozent. Dass ausgerechnet ein grüner Kandidat als wirtschaftlich handlungsfähiger wahrgenommen wird als der CDU-Spitzenkandidat, ist dabei kein Zufall. Wobei es nicht alleinig ein persönliches Problem Hagels ist. Es ist das Ergebnis jahrelanger inhaltlicher Leerstellen und damit ein strukturelles Problem der CDU. Wirtschaftskompetenz, die nur abstrakt existiert, aber keiner realen Führungsperson zugetraut wird, wird nicht als Qualität wahrgenommen.
Agenda der Zuversicht – ein unfreiwilliges Geständnis
Die CDU antwortet auf diese Leerstelle mit der „Agenda der Zuversicht". Der Titel klingt optimistisch. Tatsächlich ist er verräterisch.
Die CDU hat Baden-Württemberg 68 von 73 Jahren mitregiert – seit 1952 war sie nur fünf Jahre lang nicht an der Macht. Wer nun nach zuletzt zehn Jahren Regierungsbeteiligung mit Verantwortung für das Wirtschaftsministerium eine Agenda der Zuversicht verspricht, gesteht damit unweigerlich ein: Mehr als ein Gefühl haben wir nicht zu bieten.
Das ist der Kern des Problems. Die CDU tritt auf wie eine Oppositionspartei – dabei saß sie selbst am Steuer. Sie beklagt Bürokratie, die sie nicht abgebaut hat. Sie fordert Wachstum, das sie nicht gesichert hat. Sie verspricht Aufbruch nach jahrelangem Stillstand.
Was fehlt, ist alles, was nach aktiver Gestaltung aussieht: ein eigenes Konzept für den Strukturwandel der Autoindustrie, ein substanzieller Vorstoß bei der Fachkräftezuwanderung, ein Durchbruch bei der Verwaltungsdigitalisierung.
Besonders deutlich wird diese Leerstelle an Manuel Hagel selbst. Lange setzte er im Wahlkampf voll und ganz auf Sicherheit und Migration. Als nun Wirtschaft zum dominierenden Thema wurde, stand er ohne erkennbare Position da. Die Reaktion folgte prompt: ein hastig angekündigter „Sachverständigenrat für Wirtschaft“ – obwohl jeder Ministerpräsident längst über einen Wirtschaftsbeirat verfügt.
Wie unscharf Hagels Profil tatsächlich ist, zeigt sich auch am Thema Teilzeit. Während der Wirtschaftsflügel der CDU Einschränkungen fordert, verspricht das Wahlprogramm das Gegenteil. Was gilt am Ende? Niemand weiß es, denn Manuel Hagel schweigt. Genau das ist das Problem: Je länger man hinsieht, desto unklarer wird, wofür dieser Spitzenkandidat eigentlich steht.
Endstation Normalität
Zeit haben wir keine mehr. Baden-Württemberg steht vor der größten wirtschaftlichen Transformation seiner Geschichte. Wer sie bewältigen will, braucht mehr als Verlässlichkeit, mehr als Routine, mehr als den Verweis auf frühere Erfolge. Er braucht Führung.
Die CDU bietet das nicht mehr. Sie bietet Verwaltung mit Herkunft, Beruhigung statt Richtung, Normalität statt Entscheidung. Der Mythos wirtschaftlicher Kompetenz wirkt noch, weil er lange funktioniert hat. Doch er trägt sich nicht mehr aus eigener Kraft. Er lebt vom Namen, nicht von der Leistung. Von Gewohnheit, nicht von Überzeugung.
Die Wirtschaft kennt dieses Phänomen gut. Schlecker war einst überall. Eine Marke, der man vertraute. Lange reichte der Name, obwohl das Geschäftsmodell längst nicht mehr trug. Neue Konzepte, neue Berater, neue Parolen kamen zu spät – weil niemand mehr den Mut hatte, grundlegend umzusteuern.
Die CDU in Baden-Württemberg erinnert zunehmend an diese Phase. Viel Vergangenheit, wenig Richtung. Agenden statt Entscheidungen. Gremien statt Führung.
Transformation verlangt Gestaltung. Sie verlangt Haltung, Konfliktfähigkeit und den Mut, Verantwortung zu übernehmen. Normalität ist dafür kein Programm.
Vom Cleverle zum Biederle – das ist kein Stilwechsel. Kein Versprechen für die Zukunft. Es ist der Moment, in dem eine Partei aufhört, dieses Land wirtschaftlich zu führen und von gestern lebt, während Baden-Württemberg Lösungen für morgen braucht.
Unser Land kann sich das nicht leisten.