Sprache ist Macht. Sie kann Menschen stärken, ihnen eine Stimme geben, ihre Identität anerkennen. Aber sie kann auch das Gegenteil: Menschen klein machen, ausgrenzen, ihre Würde verletzen. Wer bestimmt, wie über eine Gruppe gesprochen wird, übt Macht über sie aus – ob bewusst oder unbewusst.
In den letzten Jahren wird immer wieder behauptet, es gäbe eine „Sprachpolizei" oder „Cancel Culture", die Menschen vorschreibe, welche Worte sie verwenden dürften. Besonders beim Verzicht auf historisch belastete Begriffe wird oft von Zensur gesprochen. Doch dieser Vorwurf verkennt grundlegend, worum es bei Sprachwandel tatsächlich geht.
Das Missverständnis vom „Kontext"
Ein häufiges Argument lautet: Es komme nur auf den Kontext an, nicht auf das Wort selbst. Wer niemanden direkt beleidige, dürfe jedes Wort verwenden. Doch diese Sichtweise übersieht etwas Entscheidendes: Worte tragen ihre Geschichte in sich. Sie sind nicht neutrale Hüllen, die erst durch einen bösen Kontext giftig werden.
Begriffe wie „N-Wort" oder „Zigeuner" wurden über Jahrhunderte hinweg in Kontexten der Entrechtung, Verfolgung und Erniedrigung verwendet. Sie sind untrennbar mit Kolonialismus, Versklavung und Völkermord verbunden. Diese Geschichte verschwindet nicht, nur weil jemand behauptet, es „nicht böse zu meinen".
Sprache entwickelt sich – schon immer
Sprachwandel ist kein modernes Phänomen und keine Erfindung politischer Korrektheit. Sprache hat sich zu allen Zeiten verändert, oft gerade weil Menschen Rücksicht aufeinander nahmen:
Historische Beispiele für Sprachwandel aus Respekt:
- Im 19. Jahrhundert verschwand der Begriff „Idiot" als medizinische Bezeichnung, weil er abwertend wurde
- „Krüppel" wurde durch „Mensch mit Behinderung" ersetzt – nicht durch Zwang, sondern durch gesellschaftliches Umdenken
- „Fräulein" verschwand aus dem offiziellen Sprachgebrauch, weil es Frauen nach Familienstand kategorisierte
- „Geisteskrank" wich neutraleren Begriffen wie „psychisch erkrankt"
- Selbst „dumm" war ursprünglich ein Begriff für Stummheit, „blöd" bedeutete körperliche Schwäche
Niemand würde heute ernsthaft beklagen, dass wir nicht mehr von „Idioten" oder „Krüppeln" sprechen dürfen. Wir verstehen, dass diese Begriffe Menschen herabwürdigen. Warum sollte das bei anderen historisch belasteten Worten anders sein?
Es geht um Betroffene, nicht um Befindlichkeiten
Wenn Sinti und Roma darum bitten, nicht „Zigeuner" genannt zu werden, dann ist das kein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Es ist eine berechtigte Bitte von Menschen, die unter diesem Begriff verfolgt und ermordet wurden. Wenn Schwarze Menschen erklären, dass „N-Wort" ein koloniales Herrschaftswort ist, dann sprechen sie aus ihrer Lebensrealität.
Diese Begriffe sind nicht einfach „alte Worte". Sie tragen jahrhundertelange Erfahrungen von Ausgrenzung, Gewalt und Entrechtung in sich. Für Betroffene können sie unmittelbar schmerzhafte Erinnerungen wecken – an erlebte Diskriminierung, an Situationen der Erniedrigung, an das Gefühl, als Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden. Wenn jemand sagt „Dieses Wort verletzt mich", spricht er nicht von einer abstrakten Sprachdebatte, sondern von realer, erlebter Herabwürdigung.
Wer entscheidet, was respektvoll ist?
Das ist eine berechtigte Frage. Die Antwort ist einfach: In erster Linie die Betroffenen selbst. Nicht Sprachinstitute, nicht die Politik, nicht irgendeine „Sprachpolizei" – sondern die Menschen, die mit den Konsequenzen diskriminierender Begriffe leben müssen.
Wenn eine Gruppe sagt „Nennt uns nicht so, das verletzt uns", dann ist das keine Machtausübung, sondern ein Akt der Selbstbestimmung. Es ist dieselbe Logik, die dahintersteckt, wenn jemand seinen Namen korrigiert: „Ich heiße nicht Alex, ich heiße Alexander." Niemand würde auf die Idee kommen zu sagen: „Aber ich finde Alex besser, also nenne ich dich weiter so."
Die Frage ist nicht: „Darf ich das noch sagen?" Die Frage ist: „Warum will ich unbedingt an einem Wort festhalten, wenn mir Menschen erklären, dass es sie verletzt?"
Niemand wird „verboten" zu sprechen
Es gibt keine Sprachpolizei. Niemand wird verhaftet, weil er alte Begriffe verwendet. Was es gibt, ist gesellschaftliche Kritik – und die ist Teil der Meinungsfreiheit, nicht ihre Einschränkung.
Wer ein Wort verwendet, das andere Menschen verletzt, muss mit Widerspruch rechnen. Das ist keine Hexenjagd, sondern normaler demokratischer Diskurs. Meinungsfreiheit bedeutet, seine Meinung äußern zu dürfen – nicht, vor Kritik geschützt zu sein.
Legitime Sorgen ernst nehmen
Es gibt durchaus nachvollziehbare Bedenken: Kann sprachliche Sensibilität in Übertreibung umschlagen? Führt die Angst vor Kritik zu Selbstzensur? Diese Fragen verdienen ehrliche Antworten.
Ja, es gibt Fälle, in denen Debatten über Sprache überhitzt werden. Die Diskussion über Begriffe in alten Kinderbüchern etwa wurde teilweise emotional geführt. Und ja, manche Menschen fühlen sich unsicher, welche Formulierungen noch „erlaubt" sind.
Warum fühlt sich das für manche wie Verlust an?
Für viele Menschen ist Sprache eng mit ihrer Identität verbunden. Die Worte, die wir verwenden, stammen oft aus unserer Kindheit, von unseren Eltern, aus vertrauten Zusammenhängen. Wenn diese Worte plötzlich als problematisch gelten, kann sich das anfühlen wie ein Angriff auf die eigene Vergangenheit oder Herkunft.
Dazu kommt: Veränderung erzeugt Unsicherheit. Wer gewohnt war, unbefangen zu sprechen, muss nun nachdenken. Das kann als Kontrollverlust empfunden werden – als würde einem vorgeschrieben, wie man zu denken und zu fühlen hat.
Diese Gefühle sind real und verdienen Verständnis. Aber sie rechtfertigen nicht, an verletzender Sprache festzuhalten. Denn auf der anderen Seite stehen Menschen, für die es nicht um Gefühle geht, sondern um Würde.
Unsicherheit ist nicht dasselbe wie Zensur. Wer aus Respekt nachfragt oder kurz nachdenkt, bevor er spricht, ist nicht unfrei – er ist rücksichtsvoll. Und: Die allermeisten Menschen werden nicht für Formulierungsfehler sozial geächtet, sondern höchstens freundlich korrigiert.
Die wirkliche Frage ist: Wollen wir eine Gesellschaft, in der Menschen Angst haben, etwas Falsches zu sagen? Nein. Oder eine, in der Menschen Angst haben müssen, durch abwertende Sprache verletzt zu werden? Auch nein. Der Mittelweg liegt im respektvollen Dialog, nicht im Trotz.
Sprache als Ausrede für politische Radikalisierung?
Die These, Menschen würden wegen „Sprachregulierung" rechtsextrem wählen, verdient kritische Betrachtung. Niemand wird zum Extremisten, weil er gebeten wird, respektvoll zu sprechen. Menschen, die aus Trotz gegen sprachliche Rücksichtnahme autoritäre Parteien wählen, instrumentalisieren Sprachwandel als Vorwand.
Wieso diese Argumentation fehl geht? Weil autoritäre Bewegungen historisch immer behauptet haben, gegen „Sprachdiktate" zu kämpfen – während sie selbst tatsächliche Zensur betreiben, sobald sie an der Macht sind.
Was ist mit historischen Texten und Literatur?
Eine besondere Herausforderung sind Begriffe in alten Büchern, Liedern oder Dokumenten. Hier ist Differenzierung wichtig:
Historische Dokumente sollten in ihrem ursprünglichen Wortlaut erhalten bleiben – mit Kontextualisierung. Wenn wir Kolonialakten oder Zeitungsberichte aus dem 19. Jahrhundert lesen, gehört die damalige Sprache zur historischen Quelle. Sie zu ändern würde Geschichte verschleiern.
Literatur und Kinderbücher sind komplexer. Bei Neuauflagen von Klassikern gibt es verschiedene Ansätze: Manche Verlage ersetzen einzelne Begriffe, andere fügen Vorworte hinzu, die einordnen, wieder andere lassen den Text unverändert. Alle Ansätze haben Berechtigung – solange die Originalversion zugänglich bleibt.
Entscheidend ist: Niemand fordert, alte Bücher zu verbrennen. Es geht darum, wie wir heute mit ihnen umgehen und ob wir Kindern diskriminierende Begriffe als normale Sprache präsentieren wollen.
Positive Beispiele für gelungenen Sprachwandel
Sprachwandel funktioniert am besten, wenn er organisch geschieht und Menschen einbindet:
- Die queere Community hat das Wort „queer" selbst zurückerobert – aus einem Schimpfwort wurde ein selbstbewusster Identitätsbegriff
- In der Behindertenbewegung entstand „People-First-Language": „Mensch mit Behinderung" statt „Behinderter" – entwickelt von Betroffenen selbst
- Der Begriff „Geflüchtete" statt „Flüchtlinge" setzt sich durch, weil er Menschen nicht auf ihren Status reduziert
Diese Beispiele zeigen: Sprachwandel geschieht nicht von oben herab, sondern durch die, die es betrifft. Und er macht unsere Sprache präziser und menschlicher.
Was können wir konkret tun?
Wenn wir unsicher sind, welcher Begriff angemessen ist: nachfragen. Wenn uns jemand korrigiert: dankbar sein und es beim nächsten Mal besser machen. Wenn wir einen Fehler machen: uns kurz entschuldigen und weitermachen. Denn niemand ist perfekt, und niemand kennt immer die aktuell respektvollste Formulierung. Darum geht es auch nicht. Es geht um die Bereitschaft zuzuhören, wenn Betroffene sagen: „Dieser Begriff verletzt uns." Es geht um die Einsicht, dass die eigene Gewohnheit weniger wiegt als die Würde anderer Menschen.
Fazit: Respekt ist keine Zumutung
Sprache verändert sich, weil wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln. Wir haben gelernt, dass Worte nicht harmlos sind, sondern reale Wirkung entfalten. Sie können Menschen ein- oder ausschließen, ihnen Würde geben oder nehmen.
Respekt ist keine Zensur. Rücksicht ist kein Verlust. Und das Recht auf Meinungsfreiheit endet nicht dort, wo der Respekt beginnt – im Gegenteil: Erst im respektvollen Umgang miteinander wird Meinungsfreiheit zu echtem Dialog.
Lassen wir uns daher gemeinsam fragen: Geht es uns wirklich um Meinungsfreiheit – oder nur um das Recht, andere nicht respektieren zu müssen? Die Antwort auf diese Frage zeigt, welche Gesellschaft wir sein wollen.