Die neue Umfrage zur baden-württembergischen Landtagswahl lässt sich auf den ersten Blick routiniert lesen: Die CDU liegt mit 29 Prozent vorne, wir Grünen folgen mit 23 Prozent. Drei Punkte gewonnen. Bleiben sechs Punkte Rückstand. Richtung stimmt, aber der Weg ist noch lang.
Es lohnt der zweite Blick. Denn jenseits der Sonntagsfrage zeigt dieselbe Umfrage, worum es politisch gerade wirklich geht - und woher der Zuwachs abseits stagnierender Bundestrends für uns Grüne kommt.
Bei der Frage, wem die Menschen das Amt des Ministerpräsidenten zutrauen, liegt Cem Özdemir mit 39 Prozent klar vor Manuel Hagel, der auf 19 Prozent kommt.
Zwanzig Punkte Unterschied.
Das ist kein Nebenaspekt.
Das ist der Kern dieser Wahl.
Baden-Württemberg steht vor einem Übergang. Mit dem Abschied Winfried Kretschmanns endet eine Phase politischer Kontinuität, die das Land über viele Jahre geprägt hat. Sie stand für einen Politikstil, der Wandel nicht verleugnete, ihn aber auch nicht dramatisierte. Der Konflikte nicht suchte, aber Verantwortung übernahm.
Cem Özdemir tritt dieses Erbe nicht an, um es zu kopieren. Er will es weiterführen – unter veränderten Bedingungen. Wo Kretschmann Stabilität in ruhigerem Fahrwasser verkörperte, geht es heute darum, verlässliche Führung in einer Phase beschleunigter Veränderung zu organisieren.
In unsicheren Zeiten suchen Menschen nicht den Wechsel.
Sie suchen Orientierung.
Genau hier erklärt sich die besondere Rolle von Cem Özdemir. Seine hohe Bekanntheit ist kein Marketingeffekt, sondern Ausdruck politischer Lesbarkeit. Man weiß, wofür er steht. Und auch, wofür nicht. Das schafft nicht automatisch Zustimmung – aber es schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist in fragmentierten Zeiten eine knappe Ressource.
Manuel Hagel hingegen bleibt für viele bislang abstrakt.
Nicht abgelehnt.
Aber unbekannt.
Das ist weniger ein persönlicher Vorwurf als eine strukturelle Realität dieses Wahlkampfs. Während wir über Haltungen, Erfahrungen und Entscheidungen sprechen können, muss die CDU ihrem Kandidaten erst Konturen geben. In einem Moment, in dem viele Menschen nach Halt suchen, in dem Aufmerksamkeit allerdings begrenzt ist, ist das ein Nachteil.
Auffällig ist dabei ein weiterer Befund dieser Umfrage. Die CDU führt zwar in der Sonntagsfrage. Aber sie führt nicht dynamisch, und das obwohl wir in einer Krisensituation sind, in der Wirtschaft das Thema Migration als das wichtigste Thema abgelöst hat. Die strategische Festlegung auf das Thema Migration offenbart nun eine eklatante Lücke - die CDU kann ihre Selbstzuschreibung als die(!) Wirtschaftspartei nicht in Zustimmung ummünzen. 29 Prozent sind für eine Partei, die die Wirtschaftsministerin sowohl im Bund als auch im Land stellt, in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage und in Anbetracht der Sorge vor Arbeitsplatzverlust kein Aufbruch, sondern ein Warnsignal. Sie sind zuvorderst Gewohntheit, ein politischer Besitzstand, kein Mobilierungsschub.
Bewegung entsteht woanders.
Dort, wo Vertrauen gebündelt und Hoffnung zum Versprechen wird.
Dass Konfrontation in dieser Lage kaum trägt, zeigen die Zahlen ebenfalls. FDP und SPD verharren im einstelligen Bereich. Offenbar gibt es wenig Geduld für politische Schärfe um ihrer selbst willen. Baden-Württemberg bleibt geprägt von einer politischen Kultur, die Problemlösung höher bewertet als Zuspitzung.
Das ist kein Trend.
Das ist politische Erfahrung.
Daher ist die thematische Verschiebung hin zu Wirtschaft für uns eine Chance. Cem besetzt dieses Thema glaubhaft und erhält auch deshalb so viel Zuspruch. Normalerweise würde nun ein starker Kandidat seine Partei mit anheben. In dieser Umfrage ist es (noch) umgekehrt. Unser Kandidat liegt deutlich vor der Partei. Das ist kein Mangel, sondern ein Hinweis auf Potenzial. Zustimmung ist da. Sie ist nur noch nicht ausreichend in Stimmen übertragen.
Auch die Koalitionsarithmetik verweist auf eine tiefere Verschiebung. Realistisch bleibt derzeit nur eine Kombination aus Grün und Schwarz. Ohne uns gibt es keine stabile Mehrheit. Dazu passt, dass wir in der Regierungspräferenz durch die Zuspitzung ebenfalls drei Punkte aufholen. Der Kurs verstärkt sich.
Gleichzeitig wird sichtbar, wie sehr das Parteiensystem insgesamt unter Druck steht: Parteien verlieren Bindungskraft, die Extremisten und Populisten gewinnen an Bedeutung, politische Lager zerfallen.
In dieser Fragmentierung wird die Frage politischer Führung zur letzten bündelnden Instanz.
Dass Cem Özdemir auf Differenzierung und Pragmatismus setzt, ist deshalb kein Ausweichen. Es ist ein Angebot. Transformation soll gestaltbar bleiben. Sicherheit und Wandel dürfen kein Widerspruch sein. Dieser Weg ist erklärungsbedürftig, auch innerhalb der eigenen Reihen. Aber er ist ehrlicher als einfache Antworten auf komplexe Fragen.
Was heißt das nun konkret? Die Aufgabe dieses Wahlkampfs für uns Grüne besteht weniger darin, Zustimmung neu zu erfinden, als sie zu übersetzen: Wenn Menschen Cem Özdemir zutrauen, das Land zu führen, und wenn das Thema Wirtschaft nun das Thema Migration verdrängt hat, dann ist die Stimme für die Partei, für uns Grünen keine ideologische Festlegung, sondern eine logische Konsequenz.
Ich bin überzeugt, dass am Ende diese Wahl nicht über Parolen oder Programme entschieden wird. Sondern ob es gelingt, in politisch unübersichtlichen Zeiten Vertrauen zu bündeln.
Parteien liefern Inhalte. Parlamente Mehrheiten.
Doch wenn das Wasser unruhig wird, zählt etwas anderes.
Nicht die Farbe der Segel.
Sondern wer am Ruder steht.