Die Badischen Neuesten Nachrichten haben kürzlich ein Interview mit Markus Frohnmaier veröffentlicht, dem Spitzenkandidaten der AfD zur Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März 2026. Die Redaktion rechtfertigt dies mit journalistischer Überparteilichkeit: "Eine Ausgrenzung der politischen Ränder kommt für uns nicht infrage. Totschweigen ist mit seriösem Journalismus nicht vereinbar." Parallel dazu diskutierte der SWR intensiv, ob und wie die AfD in das geplante Triell zur Landtagswahl eingebunden werden sollte – mit ähnlichen Argumenten: Man wolle ausgewogen berichten, alle relevanten Parteien gleich behandeln, die Wähler informieren.
Diese Debatten sind symptomatisch für eine Haltung, die sich quer durch die deutsche Medienlandschaft zieht. Von ARD über Spiegel bis zu regionalen Tageszeitungen stellt man sich die gleiche Frage: Wie berichtet man "korrekt" über eine rechtsextremistische Partei? Die Antworten ähneln sich: journalistische Überparteilichkeit wahren, nicht ignorieren, mit Fakten stellen. Doch genau diese scheinbar neutrale Position ist das Problem.
Meine politische Grundüberzeugung ist: Die Demokratie schuldet ihren Feinden keine Plattform. So weit, so klar – aber es ist Wahlkampf, und ich sehe dies offensichtlich anders als viele Medienvertreter:innen. Wir müssen daher reden.
Die Berufung auf journalistische Überparteilichkeit und die Warnung vor "Totschweigen" klingt zunächst wie ein ehrenwertes Bekenntnis zu demokratischen Grundsätzen. Doch diese Argumentation verkennt einen entscheidenden Unterschied: Überparteilichkeit bedeutet nicht Äquidistanz zu allen politischen Positionen, sondern Unabhängigkeit bei der Verteidigung demokratischer Grundwerte.
Das Paradox der unbegrenzten Toleranz
Wer fordert, alle Parteien gleich zu behandeln, übersieht, dass nicht alle Parteien auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen. Die Einstufung der AfD als rechtsextremistischer Verdachtsfall durch das Bundesamt für Verfassungsschutz ist kein beliebiges politisches Etikett, sondern die fachliche Bewertung einer Behörde, die genau dafür zuständig ist: verfassungsfeindliche Bestrebungen zu identifizieren.
Diese Einstufung "zu thematisieren", während man gleichzeitig eine Plattform ohne angemessene Einordnung bietet, ist keine kritische Distanz – es ist ihre Aufgabe. Doch die bloße Erwähnung dieser Tatsache am Rande legitimiert nicht die Formate selbst. Im Gegenteil: Sie dient als Feigenblatt, um eine Normalisierung zu rechtfertigen, die dem demokratischen Diskurs schadet. Das Paradox besteht darin, dass eine Demokratie, die allen Positionen gleiche Geltung verschafft, gerade dadurch ihre Fundamente untergräbt.
Der kategoriale Unterschied
Hier liegt der Kern des Problems: Demokratische Parteien konkurrieren um die beste Politik innerhalb des demokratischen Rahmens. Eine als rechtsextremistisch eingestufte Partei stellt diesen Rahmen selbst infrage. Der Streit zwischen CDU, SPD, Grünen oder FDP betrifft die Ausgestaltung der Demokratie – Steuerpolitik, Sozialsysteme, Außenpolitik. Der Konflikt mit der AfD betrifft ihre Existenzgrundlage: Gewaltenteilung, Pluralismus, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit.
Diese Unterschiede zu nivellieren bedeutet nicht Neutralität, sondern Blindheit gegenüber der demokratischen Substanz. Es ist der Unterschied zwischen einem Streit darüber, wie man ein Haus einrichtet, und einem Streit darüber, ob man es niederbrennen sollte. Wer beide Positionen als gleichwertige "Meinungen" behandelt, hat den kategorialen Unterschied nicht verstanden – oder will ihn nicht verstehen. Demokratie ist kein Relativismus, bei dem jede Position gleich viel zählt. Sie ist ein System mit Grenzen, und diese Grenzen zu verteidigen ist keine Parteinahme, sondern Voraussetzung für ihre Existenz.
Das demokratische Dilemma: Zwischen Offenheit und Selbstschutz
Hier liegt ein echtes Dilemma: Eine Demokratie, die zu restriktiv mit abweichenden Meinungen umgeht, riskiert autoritäre Züge und verliert ihre Legitimität. Eine Demokratie, die unterschiedslos allen Positionen Raum gibt, riskiert ihre Selbstabschaffung. Es gibt keine einfache Lösung für diesen Konflikt zwischen demokratischer Offenheit und demokratischer Wehrhaftigkeit.
Doch genau deshalb haben wir Institutionen wie das Bundesamt für Verfassungsschutz: um nicht nach Bauchgefühl zu entscheiden, sondern auf Basis fachlicher Kriterien. Wenn diese Behörde – nach jahrelanger Prüfung, unter juristischer Kontrolle, mit allen rechtsstaatlichen Garantien – zu dem Schluss kommt, dass eine Partei rechtsextremistische Bestrebungen verfolgt, dann ist das keine willkürliche "Ausgrenzung", sondern eine begründete Feststellung. Die Grenze verläuft nicht zwischen "uns" und "denen", sondern zwischen demokratisch und antidemokratisch. Diese Grenze ist nicht beliebig, sondern institutionell abgesichert.
Das Dilemma löst sich also in diesem spezifischen Fall: Wir sprechen nicht von einer unbequemen, aber demokratischen Oppositionspartei. Wir sprechen von einer Partei, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wurde. Hier ist die Abwägung klar: Demokratische Selbstbehauptung hat Vorrang vor formaler Gleichbehandlung.
Die Sprache der Normalisierung
Bereits die Wortwahl entscheidet über Deutungshoheit. Wenn ein Politiker als "umstritten" bezeichnet wird statt als "rechtsextrem", wenn seine Positionen als "migrationskritisch" statt als "rassistisch" gerahmt werden, wenn man von "konservativ" spricht, wo "völkisch" zutreffend wäre – dann beginnt die Normalisierung nicht erst im Interview, sondern schon in seiner Ankündigung. Sprache schafft Wirklichkeit, und journalistische Sprache schafft politische Realität.
Das gilt auch für scheinbar neutrale Formulierungen: "Spitzenkandidat" klingt nach demokratischer Normalität, nach Wettbewerb und Professionalität. Es ist dieselbe Bezeichnung, die man für den Grünen-, SPD- oder CDU-Kandidaten verwenden würde. Genau darin liegt die unterschwellige Botschaft: strukturelle Gleichwertigkeit. Wenn das Bundesamt für Verfassungsschutz eine Partei als rechtsextremistischen Verdachtsfall einstuft, dann wäre die angemessene journalistische Praxis, dies nicht nur "zu thematisieren", sondern in jeder Erwähnung mitzuführen – nicht als Meinung, sondern als Fakt.
Ob es helfen würde, bleibt dennoch fraglich, denn das journalistische Prinzip "Einerseits-Andererseits" funktioniert nur, wenn beide Seiten legitime Positionen vertreten. Wenn wissenschaftlicher Konsens gegen Verschwörungstheorien ausgespielt wird, wenn Menschenrechte gegen Menschenfeindlichkeit relativiert werden, wenn Fakten und Propaganda als gleichwertige "Meinungen" präsentiert werden, dann ist diese Form der Ausgewogenheit nicht neutral, sondern ein Kategorienfehler. Es gibt Fragen, bei denen beide Seiten zu Wort kommen sollten. Und es gibt Fragen, bei denen das Geben beider Seiten bedeutet, die Wahrheit zu halbieren.
Die Asymmetrie des Diskurses
Ein Interview mit einem Spitzenkandidaten folgt journalistischen Konventionen: Man stellt Fragen, lässt antworten, hakt nach. Dieses Format setzt voraus, dass beide Seiten – Interviewer und Interviewter – grundlegende Regeln teilen: Ehrlichkeit, argumentative Redlichkeit, das Anerkennen von Fakten. Doch genau hier liegt die strukturelle Falle: Während demokratische Akteure sich an diese Spielregeln gebunden fühlen, sind antidemokratische Akteure davon befreit.
Sie können vereinfachen, wo Komplexität nötig wäre. Sie können emotionalisieren, wo Sachlichkeit geboten ist. Sie können Behauptungen aufstellen, die zu widerlegen mehr Zeit braucht, als sie aufzustellen – das klassische Prinzip der Lüge. Der Journalist muss differenzieren, Quellen nennen, fair bleiben. Der rechtsextreme Politiker kann provozieren, Tabubrüche inszenieren, mit kalkulierten Halbwahrheiten arbeiten – und genau das macht ihn in diesem Format oft "griffiger", scheinbar authentischer.
Die Asymmetrie ist strukturell: Wer die Regeln des rationalen Diskurses nicht anerkennt, hat in einem Format, das diese Regeln voraussetzt, einen strategischen Vorteil. Ein solches Interview ist keine Waffengleichheit, sondern ein Boxkampf, bei dem eine Seite auf Regeln verpflichtet ist und die andere nicht. Format ist nicht neutral – es begünstigt den, der es missbrauchen kann.
Der stärkste Einwand: Dialog statt Ausgrenzung?
"Aber ist Dialog nicht besser als Konfrontation?" – Das ist das stärkste Gegenargument, und es verdient eine ernsthafte Antwort. Die Verfechter der Inklusionsstrategie argumentieren: Gerade in Zeiten der Filterblase brauchen wir Austausch. Wähler:innen haben ein Recht auf Information aus erster Hand. Ausschluss schafft Märtyrer und befeuert das Narrativ vom "System", das kritische Stimmen unterdrückt. Nur durch Konfrontation mit Argumenten könne man überzeugen.
Diese Position klingt liberal und aufgeklärt. Doch sie beruht auf mindestens drei Irrtümern:
Erstens: Sie setzt voraus, dass beide Seiten an einem rationalen Diskurs interessiert sind. Doch antidemokratische Akteure nutzen das Format nicht für Dialog, sondern für Inszenierung. Jede Plattform dient der Normalisierung, nicht der Überzeugung.
Zweitens: Die "Märtyrer"-These ist empirisch widerlegt. Die AfD ist nicht trotz, sondern wegen massiver Medienpräsenz gewachsen. Das Opfernarrativ funktioniert unabhängig davon, ob man eingeladen wird oder nicht – es ist Teil der Strategie, nicht Reaktion auf Ausgrenzung.
Drittens: Das "Recht auf Information" wird missbraucht. Wähler:innen haben ein Recht auf wahre Information, auf Einordnung, auf Kontext. Ein unkritisches Interview bietet das Gegenteil: Es verschleiert mehr, als es aufklärt. Information ohne Wahrheit ist Desinformation.
Der Dialog-Ansatz verwechselt demokratische Großzügigkeit mit naiver Selbstgefährdung. Man kann nicht in einen echten Dialog treten mit jemandem, der die Regeln des Dialogs ablehnt.
Kritische Distanz oder legitimierende Normalität?
"Kritische Distanz" klingt professionell, doch ein Interview, das einen Spitzenkandidaten seine Positionen darlegen lässt, wirkt zwangsläufig legitimierend – unabhängig vom kritischen Unterton. Format ist Botschaft. Wer demokratische und antidemokratische Akteure im gleichen Format präsentiert, suggeriert strukturelle Gleichwertigkeit. Das ist keine Ausgewogenheit, sondern eine Kapitulation vor der falschen Balance.
Die kritischen Nachfragen, auf die sich Redaktionen berufen, ändern daran wenig. Sie werden von der Leser- und Zuschauerschaft oft nicht als Distanzierung wahrgenommen, sondern als Teil des normalen politischen Diskurses – als Beweis dafür, dass sich der Kandidat "auch kritischen Fragen stellt". Die Logik der Legitimierung funktioniert nicht über explizite Zustimmung, sondern über implizite Normalität. Ein Interview in einer etablierten Tageszeitung oder dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist Teilhabe am demokratischen Diskurs, unabhängig davon, wie unbequem die Fragen sind.
Hinzu kommt: Kritische Fragen setzen voraus, dass der Befragte ein Interesse an ehrlichen Antworten hat. Doch antidemokratische Akteure nutzen solche Situationen strategisch – nicht um zu überzeugen, sondern um Zweifel zu säen, um Opfernarrative zu bedienen, um die "Systemmedien" vorzuführen. Jede kritische Nachfrage kann umgedeutet werden in: "Seht ihr, wie sie uns mundtot machen wollen?" Das Interview wird zur Bühne, nicht zum Erkenntnisgewinn.
Andere Demokratien, ähnliche Dilemmata
Der Blick über die Grenzen zeigt: Das Problem ist nicht spezifisch deutsch, aber die Antworten sind unterschiedlich. In Frankreich hat der "cordon sanitaire" – die Weigerung aller demokratischen Parteien, mit dem Rassemblement National zu kooperieren – diese zwar nicht klein gehalten, aber zumindest verhindert, dass er Regierungsverantwortung übernimmt. Gleichzeitig sind französische Medien weit weniger zurückhaltend in der Konfrontation: Marine Le Pen wird in Interviews scharf angegangen, ihre historische Verstrickung mit dem Rechtsextremismus wird nicht als "Kontext" behandelt, sondern als Hauptthema.
In Belgien führte die jahrzehntelange Strategie, den Vlaams Belang medial und politisch zu isolieren, zu gemischten Ergebnissen: Die Partei blieb stark, konnte aber nicht normalisiert werden. In Österreich hingegen zeigt sich, was geschieht, wenn die Strategie der Einbindung gewählt wird: Die FPÖ wurde durch Koalitionsbeteiligungen salonfähig gemacht, ihre Rhetorik sickerte in den Mainstream, ihre Positionen wurden von anderen Parteien übernommen – nicht als Strategie der Eindämmung, sondern als Kapitulation.
Nirgendwo war die Strategie "mehr reden, mehr Plattform geben, nicht ausgrenzen" erfolgreich darin, rechtsextreme Parteien zu schwächen oder ihre Anhänger zu überzeugen. Im Gegenteil: Jede zusätzliche Plattform, jede Normalisierung durch gleichberechtigte Behandlung hat diese Parteien gestärkt. Die Lehre aus dem europäischen Vergleich ist nicht, dass es eine einfache Lösung gibt – aber sie ist eindeutig, dass die vermeintlich liberale Strategie der unterschiedslosen Inklusion überall gescheitert ist.
Keine perfekte Strategie – aber erkennbar schlechtere
Die ehrliche Frage muss lauten: Hat die Strategie der konsequenten Abgrenzung irgendwo nachweislich funktioniert? Die Antwort ist: nicht eindeutig. Rechtsextreme Parteien sind europaweit gewachsen – trotz unterschiedlicher Medienstrategien. Das Problem ist strukturell größer als journalistische Formate. Globalisierung, Digitalisierung, soziale Spaltung, ökonomische Unsicherheit – all das trägt zum Aufstieg rechtsextremer Bewegungen bei.
Doch daraus folgt nicht, dass alle Strategien gleich gut oder schlecht sind. Der europäische Vergleich zeigt vielmehr: Die Strategie der unterschiedslosen Inklusion hat die Situation überall verschlimmert. Österreich ist das deutlichste Beispiel: Die Normalisierung der FPÖ durch Koalitionsbeteiligungen hat nicht zu ihrer Mäßigung geführt, sondern zur Verschiebung des gesamten politischen Diskurses nach rechts.
Umgekehrt: Auch konsequente Abgrenzung verhindert nicht automatisch das Wachstum rechtsextremer Parteien. Aber sie verhindert ihre Normalisierung. Sie verhindert, dass ihre Positionen als gleichwertige Alternative im demokratischen Spektrum erscheinen. Sie erhält die Trennlinie zwischen demokratisch und antidemokratisch aufrecht.
Das ist keine Garantie für Erfolg, aber eine Mindestbedingung für demokratische Selbstbehauptung. Es geht nicht darum, das "richtige" Rezept gegen Rechtsextremismus zu finden – ein solches Patentrezept existiert nicht. Es geht darum, nicht aktiv an der eigenen Demontage mitzuwirken. Und genau das tun Medien, die rechtsextremistischen Akteuren unkritische Plattformen bieten: Sie werden zu Komplizen ihrer eigenen Unterwanderung.
Die Verantwortung der vierten Gewalt
Pressefreiheit verpflichtet nicht zur Plattformgebung für jede Position. Sie verpflichtet zur wahrheitsgemäßen Information und zur Verteidigung der Grundlagen, die Pressefreiheit überhaupt ermöglichen. Medienhäuser sind keine neutralen Durchlauferhitzer aller Meinungen, sondern Institutionen mit Verantwortung für den demokratischen Diskurs. Diese Verantwortung bedeutet auch, zwischen legitimer Opposition und Systemgegnerschaft zu unterscheiden.
Die vierte Gewalt ist nicht nur Beobachterin, sondern Teil der demokratischen Architektur. Eine freie Presse und ein freier Rundfunk existieren nicht im luftleeren Raum, sondern sind selbst Produkt und Garant der freiheitlichen Ordnung. Wer diese Ordnung aktiv bekämpft, kann sich nicht auf die Privilegien berufen, die diese Ordnung gewährt. Das ist keine Zensur, sondern demokratische Selbstbehauptung. Es bedeutet nicht, nicht über die AfD zu berichten – aber es bedeutet, über sie zu berichten, nicht mit ihr zu plaudern.
Die Verantwortung umfasst auch, die eigene Rolle zu reflektieren: Welche Wirkung hat unsere Berichterstattung? Wen stärken wir, wen schwächen wir? Dienen wir der Aufklärung oder der Verwirrung? Diese Fragen sind nicht technisch, sondern ethisch. Journalismus ist keine wertneutrale Dienstleistung, sondern eine demokratische Praxis mit demokratischer Verantwortung.
Die Sackgasse des "Ignorierens"
Das Argument, man habe die AfD zu lange ignoriert und sie dadurch erst stark gemacht, ist empirisch fragwürdig und strategisch gefährlich. Die AfD ist nicht trotz, sondern wegen massiver Medienpräsenz gewachsen – jede Provokation wurde dankbar verbreitet, jede Grenzüberschreitung garantiert diskutiert. Das Problem war nie zu wenig Aufmerksamkeit, sondern zu wenig konsequente demokratische Abgrenzung bei gleichzeitiger Dauerpräsenz.
Die Behauptung, Schweigen habe die AfD gestärkt, kehrt Ursache und Wirkung um. Tatsächlich hat gerade die ständige mediale Präsenz – getrieben von Aufmerksamkeitsökonomie und Quotendruck – rechtsextreme Narrative in den Mainstream getragen. Jeder Tabubruch wurde zum Medienereignis, jede Provokation zum Aufmacher. Die AfD hat das Spiel perfekt verstanden: Empörung generiert Reichweite, Reichweite generiert Legitimität, Legitimität generiert Wähler.
Das eigentliche Versäumnis war nicht mangelnde Berichterstattung, sondern mangelnde Einordnung. Nicht das "Ob", sondern das "Wie" war das Problem. Statt über die AfD wurde mit ihr diskutiert, statt ihre Strategien zu dekonstruieren wurden ihre Themen gesetzt, statt Betroffene zu Wort kommen zu lassen wurde Tätern die Bühne gegeben. Die Lehre daraus kann nicht sein, nun noch mehr dieser gescheiterten Strategie zu praktizieren.
Keine einfachen Antworten: Die Verantwortung der Wähler:innen
Es wäre zu einfach zu behaupten, besserer Journalismus würde das Problem der AfD lösen. Die 20-30% der Wähler:innen, die rechtsextreme Parteien unterstützen, sind nicht einfach "medial verführt" worden. Dahinter stehen reale Ängste, ökonomische Unsicherheiten, das Gefühl, abgehängt zu sein, Vertrauensverlust in etablierte Institutionen. Diese Probleme sind real und müssen ernst genommen werden.
Doch genau hier liegt das Missverständnis: Diese berechtigten Sorgen rechtfertigen nicht die Wahl einer rechtsextremistischen Partei. Und die Aufgabe von Medien ist nicht, diese Wahl zu legitimieren, sondern über ihre Konsequenzen aufzuklären. Wer aus Protest gegen "die da oben" eine Partei wählt, die Grundrechte abbauen will, hat ein demokratisches Problem – nicht einen nachvollziehbaren Protest artikuliert.
Die Verantwortung liegt also nicht nur bei den Medien, sondern auch bei den Wähler:innen selbst. Medien können Raum für demokratischen Diskurs schaffen, sie können aufklären, einordnen, konfrontieren – aber sie können nicht die politische Urteilskraft ersetzen, die von mündigen Bürger:innen erwartet wird. Der Ruf nach "mehr Dialog" mit der AfD ist oft auch eine Flucht vor dieser unbequemen Wahrheit: dass ein erheblicher Teil der Gesellschaft bewusst antidemokratische Positionen unterstützt.
Die Rolle der Medien ist nicht, diese Entscheidung zu erleichtern oder zu normalisieren. Ihre Rolle ist, sie als das zu benennen, was sie ist: eine Entscheidung gegen die demokratische Ordnung.
Wahre Überparteilichkeit
Echte journalistische Überparteilichkeit bedeutet: keine Partei bevorzugen, keine Partei verschonen. Sie bedeutet aber auch: Verfassungsfeindlichkeit benennen, demokratische Grundlagen verteidigen, das Besondere vom Normalen unterscheiden. Wer dies als "Ausgrenzung" denunziert, verwechselt demokratische Wehrhaftigkeit mit Diskriminierung. Überparteilichkeit heißt nicht Gleichgültigkeit gegenüber den Fundamenten der Demokratie.
Es ist ein Unterschied, ob man über Steuerpolitik berichtet oder über den Abbau von Grundrechten. Ob man über Rentensysteme diskutiert oder über die Infragestellung der Menschenwürde. Wahre Überparteilichkeit erkennt diese Unterschiede an, statt sie zu verwischen. Sie behandelt nicht alle Positionen gleich, sondern alle demokratischen Positionen gleich – und das ist ein kategorialer Unterschied.
Die Demokratie ist kein Selbstbedienungsladen für ihre Gegner. Sie muss nicht neutral sein gegenüber denen, die sie abschaffen wollen. Sie darf es nicht sein. Das ist keine Schwäche der Demokratie, sondern ihre Stärke – ihre Fähigkeit zur Selbstbehauptung. Medien, die das missverstehen, werden nicht zu Hütern der Meinungsfreiheit, sondern zu Gehilfen ihrer Abschaffung. Überparteilichkeit ohne demokratisches Fundament ist nicht Professionalität, sondern Beliebigkeit. Und Beliebigkeit ist das Ende des Journalismus, der seinen Namen verdient – und der Demokratie, die er schützen soll.
P.S. Dieser Text ist keine Anklage gegen Journalist:innen. Im Gegenteil: Ich bin dankbar für eine Medienlandschaft, in der solche Debatten überhaupt geführt werden, in der Redaktionen ringen mit schwierigen Fragen, in der journalistische Standards ernst genommen werden. Die Kolleg:innen bei den Badischen Neuesten Nachrichten, beim SWR, bei ARD und Spiegel handeln aus dem ehrenwerten Motiv, ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Sie wollen informieren, nicht indoktrinieren. Sie wollen fair sein, nicht parteiisch.
Doch genau deshalb ist dieser Dialog wichtig: Weil wir uns in einer Situation befinden, in der die alten Reflexe – Ausgewogenheit, Plattform für alle, kritische Distanz durch kritische Fragen – nicht mehr ausreichen. Die Einstufung der AfD als rechtsextremistischer Verdachtsfall durch den Verfassungsschutz ist eine neue Qualität. Sie verlangt von uns allen – Journalist:innen, Bürger:innen, demokratischen Parteien – eine Neubewertung unseres Handelns.
Meine Überzeugung ist: Die Demokratie schuldet ihren Feinden keine Plattform. Das ist keine Forderung nach Zensur, sondern nach demokratischer Wehrhaftigkeit. Es ist keine Verachtung der journalistischen Arbeit, sondern Wertschätzung ihrer Bedeutung. Gerade weil Medien so wichtig sind für unsere Demokratie, gerade weil sie so viel Einfluss haben, müssen wir über ihre Verantwortung sprechen.
Dieser Text ist ein Angebot zum Dialog – in der Hoffnung, dass wir gemeinsam Wege finden, wie wir unsere Demokratie schützen, ohne sie zu verraten. Wie wir informieren, ohne zu legitimieren. Wie wir kritisch bleiben, ohne naiv zu werden. Die Antworten sind nicht einfach. Aber die Fragen zu stellen, ist der erste Schritt.